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DER MOND SCHREIT IMMER

Betty Vanderschueren, Kindergärtnerin, 40 Jahre alt, legt sich acht Stücke blosser Seele wie ein Puzzle in den drückenden Katakomben ihrer selbst zusammen. Vorübergehend nicht zu Hause, heisst es; Gott hat ihr etwas zu tief in die Augen geguckt. Eine fast mytischer Zerfall geht schleppend in ihrem prädestinierten Geist vor. Zerfall, die Antwort auf ihren Schmerz.
Sie singt Französische Lieder. Sie hat ein Anrecht darauf, gehört zu werden. image003

„Der Mond schreit immer“ ist der Aufprall in einem wogenden Geist; die absolut
unerträgliche Begegnung mit dem gefesselten Wahn in uns. Dadurch wird es schliesslich doch nog gemütlich.
Theater von behinderte Menschen muss richtiges Theater sein und muss eine Leistung darstellen, die keinen verpflichtet, in das Moor des kritiklosen Mitleids zu versinken. Dem mental Behinderte wurde schon zu lange über die Haare gestreichelt. Für Theater Tartaar ist das Spielen mit Behinderten keine Behinderung. Es ist eine Spezifität, eine couleur locale, die man verwendet, aber wofür nie geschwärmt wird. Es ist eine Eigenschaft, die man völlig
aufblühen lässt in all ihrer Banalität, Intensität und Tragik. Behindertentheater muss den Mut haben mal scharf zu reagieren, und vom Leder zu ziehen, der Nagel zum Sarg der besorgten Helfer und Socialarbeiter zu sein, Wellen von schweren Kopfschmerzen zu verursachen beim
Publikum. Fallgruben graben. Den Frieden zerstören. Das Leben selbst beflecken. In völliger Wehrlosigkeit selbst sein.

“Herzlichen Glückwunsch.
Ich weiss es nicht mehr.
Betty, putz deine Schuhe..
Betty, raüm dein Zimmer auf.
Betty, red nicht mit fremden Männern.
Betty hat einen ... Betty! .
Who ist meine Betty ?
Who ist meine Betty ?
Der Lehrer ist viel zu alt.
Helfe mir. Tu was.
Nein.
Seine Armen weinen.
Er kommt durch den Spiegel.
I habe Kuchen gekauft.“
Hallo, gibst du mir ein Autogramm ? Betty Vanderschueren. Eine Frau in einem verlorenen Königreich. Sie schläft allein bei sich zu Hause. Eine nach der anderen öffnen sich acht Stahltüren. Ein eigentumlich weisses Licht strahlt da unten: ein eilig gebauter Schutzkeller für Emotionen. Ein Spiegel. Auf grausame und endgültige Weise ist Betty acht Mal sich selbst. In
ihr treffen sich die Umstände. Ein Fotoalbum.
Jemand jenseits der Tür liest das Zeichen, das sie nicht kennt. Ein Käfer kriecht an der Wand entlang, wie ein schluckender Adamsapfel.Der Mann liest die Gebete. Er hat nackte Finger.
Larven im Kokon. Worte, die wie Sosse aus ihrem Mund laufen. Er gibt blutige Küsse. Ein Dünner Mann im schwarzen Rock. Er darf nicht kommen.
Sie riecht die ranzige Nähe der Menschen. Ihre Stirn entfaltet sich. Das sanfte ermorden der Seele, die Göttliche Spannung zwischen Vernünftigkeit und Verführung. Kinder klettern ins Rettungsboot. Nicht zuschauen. Kleine Kinder quengeln immer. Komm, komm. Der Mond schreit immer. Stiefeln und griechische Togen. Formulare in achtfacher Ausfertigung.
Mama. Hat keine Zeit. Die Stille wird immer Lauter, mach das Licht doch aus.
Sie stellt sich vor: Betty Vanderschueren. Geneigt lachend vor dem Rampenlicht.
Wenn sie mich anschaut, bin ich ein Kind. Man hat das Auge auf uns gerichtet !
Oder irre ich mich ?